Zeit zum Leben

00:05 Uhr, Zürich Hauptbahnhof. Ich komme aus Bern. Eiligst räumt die Verkäuferin des Brezelstands in der Unterführung den Laden. Fast so, als hätte sie den ganzen Tag noch nicht gearbeitet. Die scheinbar ewige Liste auf der blauen Abfahrtstafel hat doch ein Ende gefunden. Wenn auch ein leicht verspätetes, wie das Auge des Verkehrsingenieur mit einem schnellen Blick merkt. Nichts aussergewöhnliches, denn die letzten Anschlüsse werden immer abgewartet. Kein Grund zur Sorge.

Gähnende Leere. (Symbolbild)
00:10 Uhr. Auch mein Zug ist der letzte auf der Tafel. Plus 6 Minuten steht bereits 10 Minuten vor Abfahrt angeschrieben. Ich freue mich auf eine gemütliche Fahrt, halb liegend quer über die Möchtegern-Sofa-Ecke im Obergeschoss des IC. Ich überlege kurz, ob ich die Beleuchtung im Wagen auf 1/2 stellen soll. Ein Vierkant hätte ich dabei, lasse es dann aber. Selbstjustiz tröstet auch nicht darüber hinweg, täte mir die seit Jahrzehnten abgeschafften Schlafwagen innerhalb der Schweiz zumindest wieder etwas aufleben zu lassen.

00:23 Uhr. Zum letzten Mal schaue ich – unterdessen aus horizontaler Lage – auf die Uhr. Die Gedanken kreisen darum, ob ich mein GA offen neben mich legen soll, in der Gefahr das es gestohlen wird oder wieder inkauf nehmen möchte, dass ich unsanft vom Kontolleur in den Unterarm gekniffen werden, wie beim letzten Mal. Ich entscheide mich für die vertrauensvollere Variante. Die vielen Weichen vor dem Bahnhof und die surrende Klimaanlage wiegen mich langsam ins Traumland.

00:35 Uhr. Wir stehen fast. Ganz eindeutig. Der leicht rauschende Wind an den halbdichten Fenstern fehlt. Dafür zischen die Druckluftbremsen. Kein gutes Zeichen, denke ich. Könnte vielleicht Ratlosigkeit oder Langeweile im Führerstand sein. Für den Schlaf fehlt jetzt das leichte Schaukeln.

00:40 Uhr. «Einige Minuten» soll es dauern bis zur Weiterfahrt, lassen die Lautsprecher verlauten. Der gepiercte Mann am Ende des Wagens spielt schon nervös mit seiner Zigarette. Nikotin muss her. Jede zusätzliche Minute im Zug ist eine verlorene in den Augen der Glimmstängelindustrie.

00:55 Uhr. Die optimistische Stimme mit den «einigen» Minuten ist nun einer schweren Mischung aus Fassungslosigkeit über den späteren Feierabend und einem militärischen Drill, nicht auszusteigen da es im Tunnel gefährlich sei, gewichen. Fahrleitungsschaden. «Keine Weiterfahrt, warten, abschleppen, Taxi, Busersatz und Sorry-Check» lautet dann die Verkündigung direkt im Wagen. Zwei amerikanische Teenager mit einer halben Tonne Gepäck erkunden sich bei andern Reisenden nach dem Airport. Warum auch immer man morgens um 1 Uhr dahin will, gilt doch ein Nachtflugverbot. Das einzige was da noch Lärm macht, sind vorbeidonnernde Güterzüge. Mein Wunsch nach dem gedimmten Licht ist ohne Einsatz noch real geworden. Strom scheint es nun nur noch von der Batterie zu geben.
Eine rege Diskussion setzt ein. Der Gepiercte beginnt eine Konversation über seine Kochkünste mit seiner Nachbarin (einer Köchin), die Amerikanerinnen versuchen ihren Sekundar-Englisch-Level-Dolmetscher bei Laune zu halten. Leute irren durch den Zug auf der Suche nach der Cigar-Lounge oder einem noch fahrenden Wagen.

01:05 Uhr. Die Diskussionen halten an. Das «Zugteam der SBB» diskutiert fröhlich mit, Leute aus anderen Wagen stossen dazu. Es beginnt ein Get-together, das der Bünzli-Schweizer sonst nicht mal beim Apéro pflegt. Ans Schlafen ist da auch nicht mehr zu denken.

Die Zeit steht plötzlich still. 

Der sonst getaktete Alltag hat einen Knick erlitten. Zeit ist plötzlich kein Mass mehr, sondern eine Unbestimmte. Der Reisende mit seiner wichtigen Aufgabe "zu reisen" – und sich dabei entsprechend auch so zu verhalten – fällt aus seiner Rolle. Der Opportunismustrieb drängt dann zur Alternative, die Alternativlosigkeit zur Konversation und Konversation zu andern Menschen und anderen Leben.

Diese Möglichkeit fehlt uns oft im Alltag. Weil es (zu) einfach ist, sich komplett zu verplanen und der Zeit nachzulaufen. Dabei das Glück dieser Welt nicht an Aufgaben und Zeit gebunden, sondern an Erlebnisse. Erlebnisse aus dem Leben, die wahrscheinlich nur entstehen, wenn es nicht nach Plan läuft.

Das sich der Zug dann trotzdem in den nächsten Bahnhof bewegt, fällt bei diesem Erlebnis fast keinem mehr auf. Zu schön war der Moment der Ungebundenheit an Zeit und Aufgabe, den man gerne noch etwas verlängert.

02:00 Uhr. Unterdessen steht auch der Ersatz-Zug wieder. 25 Kilometer weiter vor dem Bahnhof Winterthur. «Einige Minuten» wegen laufender Bauarbeiten im Bahnhof kämen noch dazu, meint der Lautsprecher. Die Köchin und der Gepiercte diskutieren immer noch leise über fast alles – ausser ihre Verspätung. Denn was kümmert einem der eigentliche Plan, wenn gerade sonst das Leben spielt?

Später im Bahnhof Winterthur kommt der Plan wieder zurück. Zwei Extrahalte, weil Anschluss nicht abgewartet, Taxi nach Anderswo, Verspätung 100 Minuten. Die Zeit kommt zurück.

Ich lege meine Kaputze über die Augen, drehe mich um und lasse den Moment noch etwas weiterträumen.

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