Ein Roadtrip fast bis nach Kirgistan und China (Kazakhstan II)

Fast hätte ich geglaubt nach der Rollertour in Sri Lankaletzten Sommer könnte mich nichts mehr erschüttern. Falsch geglaubt. Kasachische Strassen können einem im wörtlichen Sinn erschüttern. Ein Post über holprige Strassen und vermutlich den besten Weg Kazakhstan zu bereisen.

Die Aktau Berge im Altyn-Emel-Nationalpark
Rent-a-Car oder wie es schön in Russisch heisst «Awto Prokrat» würde alleine diesen Post füllen: Die meisten Strassen im Land sind eher kurzlebig (dafür sehr schnell) gebaut worden. Sie wirken wie ein Farbkatalog von grau bis schwarz mit der Bonusfarbe «Schlagloch» und sind deshalb fast zwingend mit einem SUV zu befahren. Entsprechend besorgt sind die Autovermieter, dass das Auto nach einigen tausend Kilometern schrottreif ist.
Lustige Regeln grosser Autovermieter wie «max. 150 km pro Tag», «max. 5 km aus der Stadt fahren» oder hohe Preise sind die Folge. Kleine Hinterhofanbieter boomen wie der Tourismus.

Unsere «Lexi», ein Lexus SUV 4x4, gilt als stabiles, komfortables Auto wie mir einige Kazakhs erklären. Der russische Vermieter, Typ «Stasi». Er überwacht alle Fahrzeuge mit einem GPS-Tracker. Nach zäher Verhandlung kostet uns der Spass 140'000 Tenge (ca. 400 Franken, für 4 Personen) für unsere Route. Je nach Strassenzustand kostet die gleiche Strecke mehr oder weniger. Unsere eher mehr.

Einen Tag später wissen wir auch weshalb: Die Querrillen der Kiesstrassen auf gut befahrenen Nationalstrassen und 12 km Bergweg der Sorte «Mit-dem-Pferd-geht’s-schneller-als-mit-dem-Auto» lockern gerne Schrauben oder bohren sich in das dünne Gummiprofil der Reifen. Dank Fahrtraining im kanadischen Outback, geht’s ohne Platten.

Staubiges Heck. Und Fingerpainting über Studenten und meine Autoliebe ...

Einen weiteren Tag später lädt der staubige hintere Teil zum finger painting. Das Fahren ist schwierig, Erfahrungen mit Computergames aus der elektronischen Steinzeit helfen allen bösen Monster(löcher)n auszuweichen.

Die Belohnung für die ganzen Fahrstrapazen sind wenig Verkehr, Rückenmassage durch das Auto und einen fantastischen Ausblick auf hunderte Kilometer kasachische Steppe und spannende geologische Strukturen. Letzteres ist sehr ernst gemeint. Wirklich. Nach dem Grand Canyon und Stonehenge gibt es im Süd-Osten an der Grenze zu Kirgistan und China imposante Berge und tiefe Klüfte. Wer mehr geologisches Know-how von mir erwartet, ich muss passen. Fehlender Russisch-Kenntnisse und beschränkte Begeisterungsfähigkeit für Steine sind gute Ausreden.

Interessanter fand ich eher die Tankstellen. Es gibt ca. fünf verschiedene Qualitäten Benzin. Alles von Oktan 80-96. Preislich sind alle okay, circa 130 bis 170 Tenge pro Liter, 38 bis 50 Rappen pro Liter. Ich bin mir nicht sicher, ob «Lexi» auch mit Oktan 80 fährt, unter 92 getrauten wir uns nichts zu tanken.

An Tankstellen ist auch immer Umschlagplatz für shared taxis. Und in Kazakhstan ist jedes Auto Taxi. Wir verdienen einmal 500 Tenge (1.30 Franken), weil wir einen Automechaniker mitnehmen. Ansonsten helfen wir nur Backpackern.
Eine Einkommensquelle ist das Taxi spielen aber allemal. Hitch-hiking ist Alltag, der mittlere Besetzungsgrad der Autos bei ca. 3 Personen. Ein feuchter Traum für jeden Verkehrsplaner.




Spass auf dem Highway, wenn gerade kein Auto kommt.

Soooo, und dann noch ein bisschen Antifreez.

König der Schüttelstrassen

Steppe & Strasse gehen fliessend ineinander über.
Charyn-Canyon: So imposant wie der grosse Bruder in den USA:


20 Stunden Teil der Zuggeschichte (Kazakhstan I)

Nach zwei halbfertigen Blogposts über London und das günstige Fliegen, kam ein Abenteuer dazwischen. Kasachstan.

Steppe, Berge und genügend Flüssigkeit für heisse Stunden:
Unterwegs mit dem Nachtzug in Kazakhstan
Hohe Berge und die grosse Weite lockten. Dank der visafreien Einreise dieses Jahr, war die Entscheidung schnell gefallen. Gegen Oman, Israel und Argentinien hat sich Kasachstan durchgesetzt.
Schnell wurde klar, das es uns (zwei Verkehrsingenieure) auf die Schiene zieht. Ein Relikt aus Sowjet-Zeiten und erstaunlich gut erhalten und gepflegt. Das e-ticket war schnell gebucht. 5000 Tenge (12 Franken) kostet die 20-stündige Fahrt über 1000 km im 4er-Abteil. Zuhause reicht das nicht mal für eine halbe Stunde IC in die nächste grössere Stadt.

Abfahrt: 23:18. Minutengenau. Nach einem kleinen Unfall unseres Taxifahrers auf dem Weg zu uns, verpassten wir den Zug fast.
Die Rucksäcke gescannt wie am Flughafen, erwartete uns eine Art funktionstüchtiges Eisenbahnmuseum mit Bewegungsdrang. Eingestiegen wird direkt vom Schotterfeld

Immer gut ein Ingenieur an Bord zu haben.
Unsere Reisegspänli, halb neugierig, halb frustriert, dass wir weder kazakh noch russisch sprachen, teilten gerne ihr Essen und erklärten den Komfort des Abteils. Bald schaukelte uns der Zug in den Schlaf und gab uns erst um 9 Uhr wieder ein Bild von sich. Etwa 600km weit sind wir seit beginn gekommen. Langsam aber stetig.
Immer wieder streckten neugierige Gesichter ihren Kopf durch die Abteiltür. Mal geschäftstüchtig, mal zum plaudern.

Mama/Kind wurden gegen zwei stämmige Ölarbeiter getauscht. Um 11 Uhr morgens teilten sie ihr Bier mit uns. Es werde sonst warm, meinte einer grinsend.
Er sollte recht behalten, im Süden von Kasachstan ist, wird es gerne mal über 40 Grad tagsüber. Wir hatten den richtigen Tag ausgewählt. Schlussendlich erreichten wir 42 laut Wetterapp.
Wärmer war es nur noch im Wasserkocher des Wagens. Aber angesichts der Hitze mochte ich weder Tee noch das mitgebrachte Ramen essen.

Die Mitreisenden sind sehr verschieden. Mal jung ...
... mal schon im Bieralter.
Wir entschieden uns für einen Jass und Leichtbier im Speisewagen. Einer der beiden Wagen-Schaffner grinste, fragte mich nach einer kühlen Cola. Nett grinste ich zurück, zeigte auf die Notbremse und spielte als sei sie ein Cola-Automat. 
Der Speisewagen hatte AC. Allerdings nur dann, nachdem jemand etwas bestellte. Die klassische Konditionierung klappte gut. 
Nach der zweiten Runde trugen wir uns ins Gästebuch ein, viele andere Ausländer schienen es nicht ins Restaurant, Wagen 10, geschafft zu haben.

Schönes Interieur der Züge in der "Kupe"-Klasse.
Der Fahrplan des Zuges ist eindrücklich. Von Almaty der Südgrenze zu Kirgistan entlang und dann zum Aralsee und dann ans Kaspische Meer. Rund 3500km one-way, knapp 2.5 - 3 Tage.
Zwischendurch stehen der Zug gerne 1 oder 2 Stunden und wartet Kreuzungen ab oder lässt sich von langen Güterzügen überholen.

Auf die Minute genau erreichen wir unser Ziel. Turkistan. Wir verabschieden und bedanken uns, tauchen auf dem heissen Perron im Getümmel der Händler, Taxifahrer und winkenden Familien unter. Der Zug verschwimmt in Hitze am Horizont. Mit ihm die alten und neuen Geschichten tausender Kilometer und Gäste. Ein kleiner Teil davon ist diese, unsere Geschichte.

Ein kleiner Markt bildet sich auf dem Bahnsteig.
20 Stunden weg für den schönen  Sonnenuntergang
am Mausoleum in Türkistan.

미래 // Zukunft (Korea X)

Ich sitze im Flieger. 1. Reihe. Business Upgrade. Ein schlechter Trost dafür, dass ich eigentlich gerne länger mein seoulitisches Leben genossen hätte und seit Tagen eine gröbere Krise deswegen hatte... Ein Artikel über das hinter, unter und vor mir.

미래 (mi'rae, future, Zukunft)

Ryan & Roman. Besties im Kakao Store.
HINTER mir liegt das liebgewordene Korea. Ein Land, das Zeit braucht es zu verstehen und in dem man erst kritisch beäugt wird. Dann hält das Land aber eine Freude und Herzlichkeit bereit, die so schnell keiner nachmacht.
Nach dem letzten Drink gestern, liessen mich meine Freunde denn auch ungern ziehen: Geschenke, eine vollgemalte koreanische Flagge und mindestens 10 Umarmungen mit jedem einzelnen. Aus der eigentlich ausgemachten Clubbing-Nacht wurde ein endloser Abschied. (Was aber nicht so schlimm ist, weil man gut auch noch um 3 Uhr morgens werktags Feiern gehen kann ...)

UNTER mir liegt Steppe von Westchina und der Frachtraum des Fliegers mit meinen 33 Kilogramm Gepäck. Die wiegen laut Quittung vom Check-in offiziell aber nur 30 ...
Ich bin froh, wiegen Erlebnisse und Erfahrungen nicht physisch. Dann hätte ich nämlich ein Frachter chartern müssen. ㅋㅋㅋ (kkk, koreanisches Lachen)
Ich glaube, viel von Korea zu verstehen (und noch lernen zu wollen). Viele "Westler Expats" können wenig mit der Kultur und den Leuten anfangen. Ich bin stolz, nicht diesem Trott verfallen zu sein, keine Meinung anderer kopiert zu haben und genügend Geduld gehabt zu haben, mir die Kultur und Sprache erklären zu lassen.
Gut möglich, dass ich Glück hatte: Die richtigen Personen zu finden, die lachen, aber nicht auslachen und koreanisch Wörter 10 statt 1 Mal wiederholen, sind rar.

VOR mir liegt IST - Istanbul. Dann ein Sommer voller Arbeit und einem neuen Reiseabenteuer (dazu später mehr ...). Und dann kommen einige Fragezeichen. Es wird wieder schwierig zu entscheiden was, neue Möglichkeiten und Gedanken sind dazugekommen. Das Leben pausiert schliesslich auch im Auslandsemester nicht, aber es lässt sich etwas leichter verschieben. 골록골록 (klogklog, koreanisches *räusper*)

Mein Auslandsemester konnte mir bestätigen, dass meine Zukunft wohl nicht einem Land, wohl aber auf diesem Planeten spielen soll. Und dieser Planet ist mit diesem Trip um ein Land grösser geworden. 한국 또 만나요. 보고싶어. ㅠㅠㅠ (yuyuyu, koreanisches Weinen)

커트 // Schnitt (Korea IX)

Mein Auslandsemester ist vorbei. Zumindest gefühlt. Noch stehen Prüfungen an und einige Essays und Präsentationen (nach koreanischer Manier mit schönem ppt-Layout) an, doch mental scheint das Abflugdatum im Kalender, wie ein Tumor, langsam alles drum herum zu verschlingen. Ein Post über den kommenden 커트 (cut [kongl.], Schnitt) und warum er schwer fällt.

Nachtsicht vom Eungbongsan (94.1m ASL)
mit Blick auf Seoul Forest, Han River und Gangnam.
Zum gefühlten 1000sten Mal wurde ich schon gefragt, wann denn mein Rückflug sei. Nach den gelernten Prinzipien im Marketingkurs habe ich versucht, ihn durch "low-involvement learning" möglichst lange nicht zu wissen und immer wieder zu vergessen. Unterdessen steht er mir wie Tattoo auf der Stirn. Ich möchte am liebsten zum Laserstudio rennen und ihn wegmachen. Ich habe mich so an das Leben hier gewöhnt, ich möchte den anstehenden Schnitt nicht.

Vor Wochen habe ich noch überzeugt gesagt, dass ich eher mit der Gesellschaft hier lebe als in der Gesellschaft. Unterdessen ertappe ich mich immer wieder, wie ich den gewisse Gewohnheiten der Koreaner abschaue und kopiere. Einige Beispiele:
가 Ich stehe nie vor 9 Uhr auf, weil kein normales Geschäft vor 10 Uhr öffnet.
나 Ich esse keine regelmässigen Mahlzeiten, ausser dem Frühstück. Ich lasse mich einfach von meinem Hunger treiben.
다 Ich lerne im Coffeeshop für mehrere Stunden, ohne schlechtes Gewissen zu haben, noch was kaufen zu müssen.
라 Ich beantworte meine KakaoTalk (koreanisches Whatsapp) im Gehen und an der Ampel verpasse ich dann die Grünphase.
마 Ich lerne auch ab und zu in der Bibliothek - oder wie ein Kollege sagt "Survival-of-the-fittest-Hall".
바 Ich benutze verschiedene Varianten von "OH" fürs Bewundern, Anerkennen, Fragen, Verstehen und so weiter ...
사 Ich bin ob den zahlreichen Romanisierungen von koreanischen Wörtern verwirrt. Wenn ich koreanische U-Bahn-Stationen oder Namen selber romanisiere, ist es meist falsch. Da hilft es nicht mal, dass es ROMANisierung heisst ... Beispiel: 왕십리 - da wo ich wohne - heisst eigentlich Wang'sib'ri, weil aber die Aussprache eher wie Wangsimni tönt, wurde die Romanisierung einfach abgeändert ... Koreaner lachen mich dann gerne ein bisschen aus. ㅋㅋㅋ

Zugegeben: Gewisse andere Austauschstudenten haben diese Probleme nicht, dafür hält sich auch ihre Faszination für Korea (und vor allem die Koreaner) in Grenzen ...

Noch gute zwei Wochen bleiben mir hier. Sie werden intensiv und kurz in Erinnerung bleiben. Ein abenteurlicher Trip nach Ulleungdo steht an. Und eine Post-travel-depression naht und damit wahrscheinlich viele Stunden auf Skyscanner, um sie zu überwinden ...

안전한 곳 // Der sichere Himmel (Korea VIII)

Wer im Westen Korea hört und noch nie her war, hat ein düsteres Bild des Landes. Gedanken fallen schnell auf Säbelrasseln und stramme Militärparaden im Norden. Wie sicher Korea ist und warum Westen und Korea finden, dass das andere Land nicht sicher seien.

(안전한 곳, an'jeon'han kot, the save heaven)

Sonnenuntergang vom Namsan/Seoul Tower
mit Blick über Seoul
Wenn Koreaner etwas im Griff haben, dann ihre Sicherheit! Sobald irgendwo was los ist, stellt der Staat Hundertschaften von Polizisten bereit, die im lottrigen Bus angetuckert kommen. Viel zu tun, haben sie meistens nicht. Denn der Respekt vor ihnen ist gross. Noch grösser die Angst vor einem Gesichtsverlust bei einem Vergehen. Und die Strafen sind hart, Drogenkonsum (Soju exklusive) und sexuelle Belästigung können mehrere Jahre zur Folge haben.
Als Expat bedeutet ein Verfahren oft auch das Ende hier. Ausweisungen und Einreiseverbote werden grosszügig erteilt. Eintrichternde Worte von International Office der Uni und einige Präzedenzfälle vergangener Semester zeugen davon ...

Wie selbstverständlich lassen Koreaner alles stehen und liegen. Völlig selbstverständlich. Koffer am Flughafen (sic!), Laptops in den Vorlesungsräumen und Handtasche im Klub. Es bleibt alles, wo es ist. Immer. 
Ausser im Wohnheim. Hier beanspruchen einige Studenten gerne mal das Geschirr der common area tagelang für sich. >.<

Wenn mal genügend Zeit ist und Familie Kim auf Reisen geht, hat die Sicherheit im Reiseland grosse Wichtigkeit. Eine Metrofahrt in Paris sei ein echtes Abenteuer, meinte kürzlich eine Koreanerin, "aber ich hatte nachher noch alles." 

Das scheint für den Westler etwas irrwitzig. Der laute Norden des Landes (wir glauben hier immer noch an eine friedliche Wiedervereinigung) scheint im Westen viel bedrohlicher. Das reicht bis zu Fragen wie "Willst du nicht früher heimkommen wegen der Situation?" oder "Kannst du denn deinen regulären Flug noch nehmen?".
Für alle die hier leben, hat das beschämend. Es zeugt von wenig Wissen und einem sehr reduzierten Bild des Landes im Westen. Ja, es ist zwar offiziell "Krieg/Waffenstillstand", aber das seit über 60 Jahren. Und wer diese Zeilen gerade auf seinem Samsung oder LG liest, will hoffentlich nicht behaupten, dass Land mit ernsthaften Krieg noch hochtechnologische Güter herstellen und viel exportieren würde (auch wenn das vorletzte Modell eines Herstellers explosiven, nordkoreanischen Charakter hatte ...)

Der laute Norden nimmt viel (mediale) Aufmerksamkeit in Anspruch, zulasten des Wissens über Gesellschaft und Kultur hier. Abseits davon wächst eine starke Wirtschaft und ein extrem gebildetes Land heran. Vielleicht wird Korea auch deshalb "Land der Morgenstille" genannt?

밤의 유흥 // Leben in der Nacht (Korea VII)

Die Zeit vergeht schnell in Korea. So schnell, dass bei öffentlichen Digitaluhren gerne mal noch die 10-tel Sekunden angegeben werden. Noch rund vier Wochen bleiben mir das Land kennenzulernen. Korea, ein Land voller Stadt, Unterhaltung und Nachtleben. Ein Post über das Leben und die Gesellschaft in Korea.

밤의 유흥 (bam'ui yuu'heung, nightlife, Nachtleben oder Nachtunterhaltung)

Grandma's Place
Ich sitze beim Abendessen im Hinterhofquartier von Wangsimni. "Grandma's" nennen wir Austauschstudenten die billige Beiz liebevoll. 4'000 Won (3.50 Franken) kostet ein Menü, unlimitierte Nebengerichte inklusive. Ausnahmsweise bin ich alleine da. Den Besitzer wundert's: "Only you? - Jin'gu opso!? (Nur du? - Ohne Freunde?!)". Er lacht, seine Mutter, die Chefköchin, auch. Wir kennen uns seit dem ersten Abend in Korea.

Vor dem Fenster beginnt das koreanische Nachtleben. Grell blinkend, laut lachend, KPop füllt die Strassen. Aufregend! Die vielen Eindrücke machen mich schnell müde. Immer noch. Nach Monaten in dieser Welt, wo es tagsüber eher ruhig und schläfrig zugeht, ab so 8 Uhr abends, dann aber richtig gelebt wird. Jetzt, mit ein paar Zusammenhänge mehr im Gepäck, wirkt das ganz normal und erklärbar.

Korea, ich beschreibe es auch liebevoll "Das Amerika Asiens mit einer Prise Kultur aus allen Kriegen und mit Konfuzius im Kern".

Konfuzius bestimmt das gesellschaftliche Zusammenleben, den Umgang und die Familie. Das Alter und der Name haben hier den gleichen Stellenwert. Entsprechend genau können die meisten auch das Alter schätzen - auch meins. Auf 23-25 Jahre schätzen mich die meisten. 24 wäre richtig. Koreanische Zählweise wohlbemerkt.

Die Kultur ist eine eigene. Mit Stolz wird von verschiedenen Dynastienen und eigener Architektur gesprochen. Die zahlreichen Kriege haben aber einige Spuren hinterlassen. Am besten sieht man das an der Sprache: Neben dem eigenen Wort für "Raum" (방, bang) wird auch das chinesische Wort (실, sil) benutzt. Gewisse japanische Zeichen werden als Abkürzungen z.b. für Grössen und "emergency exit" verwendet. (Soweit ich dies als Korean Sprachschüler Level 1 erkennen kann.)

Zuletzt hatte in der jüngsten Vergangenheit Amerika einen grossen Einfluss: Rechtssystem, Strassenregeln, Sprache (Konglish) und Schulnoten. Es wirkt wie ein Gerüst, das dem schnellen Wachstum etwas die Richtung weist, wenn auch etwas übergestülpt. Es schaut manchmal so aus, als könne man sich nicht richtig entscheiden, wie damit umgegangen werden soll.
Zum Beispiel sind klassische KPop-Groups zwischen 16 (sic!) und 25 Jahre alt. Sie erinnern mich an einen Mix aus DJ Bobo's Tanzeinlagen, One Direction und Tokio Hotel, einfach mit kurzen Röckchen statt tiefem Ausschnitt und weniger Sexappeal in den Videoclips.

Um wieder zum eigentlichen Thema "Nachtleben & Gesellschaft" zurückzukehren, hier ein schmackhaftes Beispiel von 여자친구 (Yoo'ja'jin'gu - girlfriend):


An diesem Punkt habe ich wahrscheinlich die meisten männlichen Leser an den Youtube-Channel von Girlfriend verloren ... Für alle übrig gebliebenen hier meine westliche Ansicht auf das koreanische Nachtleben:

Für viele hier scheint das Nachtleben eine Art Fluchtort zu sein. In von Soju aufgeheiterten Partynächten, wird gerne die Müdigkeit hinter einer Fassade von Make-up überspielt und Zukunftssorgen vergessen. - Und nein, mit Zukunftssorgen ist nicht das SäbelBombenrasseln von Nordkorea gemeint.

Ein extremer Druck lastet auf jungen Schultern. Es wächst in Korea eine gesamte Generation heran, deren Uniabschlüsse und gute Noten inflazionären Charakter haben. Gut zu sein, ist nur noch okay. Zu den besten muss man gehören, um etwas zu erreichen. Auch weil nirgends ein so grosser Anteil der Bevölkerung studiert wie in Korea.

Diese Abschlüsse kosten viel. Geld, dass aus Familienschulden kommt und auf direktem Weg an die zahlreichen Universitäten fliesst. Nach Abschluss einen guten Job zu finden, ist darum für die Finanzen der ganzen Familie wichtig.

Kaum ist auch das Gerangel um die guten Jobs in den 재벌 (chae'bol, grosse Conglomeratskonzerne in Korea) beendet, geht es rastlos im Arbeitsleben weiter. Wenig Ferien (max. 2 Wochen pro Jahr) und lange Stunden im Büro (mind. 60-70 Stunden pro Woche, 6 Tage die Woche). Jammern & Reformen? - Beides ist verpönt, letzteres schaut meistens auf dem Papier gut aus.

Nach der Arbeit oder einem langen Tag an der Uni eins (oder mehr) mit den Kollegen trinken zu gehen, halte ich deshalb für selbstverständlich. Ablenkung ist wichtig, wenn auch sehr alkoholgeprägt. Jedem skandinavischen Präventionspolitiker würden die Haare ausfallen, wenn er wüsste, dass hier ein Vollrausch um 6'000 Won (5 Franken) kostet ...

Mit einer solchen Gesellschaft zu leben, die bis frühmorgens freudig lachend Soju-Shots kippt und tagsüber fast einschläft, ist faszinierend. Jeden Tag, auch nach Monaten hier!
Auch wenn es mir als Student (und vielleicht auch arbeitenden Expats) schwer fällt mit diesem Lebensrhythmus mitzuhalten, ist diese Art der aktuellen Kultur extrem spannend. Schräge Öffnungszeiten, zahlreiche Unterhaltungsmöglichkeiten und merkwürdige Produkte, machen das Leben hier zu einem Erlebnis (siehe Fotos).

Fried Chicken gefällig? - Aber erst nach 16 Uhr ...
Überall schlafende Leute.
Ich diesem Fall auch ich ;-)
Eine augenwärmende Schlafmaske,
um Augenringen vorzubeugen.

렌트카 // Roadtrip in Korea (Korea VI)

Meine koreanische Zeit wird immer wertvoller. Nicht das mein Wert hier dermassen gestiegen ist, seit ich einige Brocken Koreanisch um mich werfen kann. Eher verschlingt das studieren hier sehr viel Zeit und meine Tage hier gezählt: Entweder greifen Kim's Truppen zuerst an und wir werden von der Schweizer Botschaft zwangsevakuiert oder mein regulärer Rückflug kommt zuerst. An die erste Option glaubt hier niemand. Ein Artikel über koreanische Fahrkünste, einen Roadtrip um die halbe Halbinsel im Stau verbringen kann ...


렌트카 (Raen'te'ca, Rent A Car)

Wer hätte es gedacht? Unser Mietwagen ist ein HYUNDAI Sonata (Hiun'dää ausgesprochen) - der VW Golf der Koreaner. Alt ist er nicht, aber einige Narben hat er schon. Koreaner sind wahrlich nicht für netten Fahrstil bekannt. Getönte Frontscheiben geben ihnen genügend Anonymität Vortritte, rote Ampeln und Speedlimits gekonnt zu ignorieren.

Ich gebe mir vorher kurz einen online Crashkurs auf einer Expat-Website und einen lustigen Lernfilm der U.S. Army zur vorherrschenden StrassenVordränglerkultur. Voila!


Es stellt sich dann als weniger schlimm heraus als im Video propagiert. Unser Hyundä schwimmt gut im Strom aller anderen Hyundä's und KIAs mit. Für alle Nachahmer trotzdem ein paar eigene persönliche Tipps:

1. Koreaner nehmen so ca. 5 Fahrstunden bevor sie die Prüfung machen. Und so fahren sie auch. Ruppig, wenig umschauend und egoistisch. Einige Foren sagen auch, sie fahren wie sie gehen. Motto: "Jeder schaut ein wenig, es geht dann schon."

2. Hat es keine Ampel, geht der Vortritt an den mit den Waghalsigeren. Um vorwärts zu kommen braucht es ein bisschen Mut sich auch mal irgendwo reinzudrängeln. Eigentlich gelten ja ähnliche Regeln wie in den Staaten.
Passiert bei Rot zulange nichts, wird mal gerne unbemerkt über die Kreuzung gekrochen.

3. Es gibt überall Blitzer. Das Gesetz sagt aber, dass mit Tafeln gewarnt werden muss. Im Naver-Navi sind alle vermerkt. Auf langen geraden Strecken (z.B. Brücken, Tunnels) werden Streckenmessungen gemacht. Die sind auch angekündigt und im Navi wird der bisherige Durchschnitt angezeigt.



4. Genügend lange Blinken beim Spurwechsel hilft. Nicht das es die Koreaner wirklich machen, aber immerhin kann man ihnen so, vielleicht ein bisschen Strassenmanieren beibringen, und manche machen auch Platz.

5. Intercity(IC)-ways kosten Maut und manche Strassen mit langen Tunnels oder Brücken auch. Das muss bar bezahlt werden.

Jetzt aber zum schönen Teil der Reise. Ich lasse gerne die Bilder sprechen:

"The Road Trip team" - mit Fundstücken vom Damm nach Sinsi-Do
Blick von Sinsi-Do über die westlichen Inseln
Wir sind die heimlichen Stars am Stadtfestival in Buan.

Paiting-Pose mit dem Bürgermeister und dann noch ein bisschen Wahlkampf.
Verneigt euch vor dem Tempel.
Ohh, zwei Schweizer haben Natur gefunden.
Yamyam, das Essen unterwegs.
Und gute Restaurants haben einen Kalender mit der Jungfraubahn!

백남도서관 // Eine Nacht in der Paiknam (Korea V)

Ich habe ja bös im vorletzten Post behauptet, die Koreaner lernen schon 3 Wochen vor den mid-term Prüfungen wie die wilden. Heute Nacht habe ich einige Stunden in der "Paiknam Academic Information Center and Library" - oder wie ich sage "in der Konservendose des Wissens" - verbracht.
Jetzt muss ich korrigieren: Das war noch gar nichts! Im Moment wird hier richtig gebüffelt. Ein kurzer Blogpost zu später Stunde über das Haus des Wissens auf dem Gipfel des Hanyang Mountain.

Konzentrierte koreanische Gesichter in der Paiknam Bib.
백남도서관 (Paik'nam'do'seo'gwan, Paiknam Library)

Als ich zu Classmate Seungyeon heute scherzhaft meinte, ihr bester Freund sei die Bib(liothek), verdrehte sie nur müde die Augen. Lange sei ihre letzte Nacht vor der 3stündigen Prüfung heute gewesen. Bis um 6am lernen, dann ein kurzes Nap und rann an die Prüfung.

Aufgrund diverser skurriler Beobachtungen anderer Austauschstudenten (vor allem früh morgens), musste ich auch mal in die Paiknam. Seungyong war so nett, mir eine kurze Einführung in das koreanische Buchungssystem der Sitzplätze zu geben. 
Ja, es gibt am Eingang zu jedem der sechs Lernräume Lernhallen einen Touchscreen der sagt, welche Plätze noch frei sind. Gegen Einlesen der Student-ID kann sich 4 Stunden darin einmieten und erhält eine Quittung um den Sitzplatz gegen freche Mitstudenten zu verteidigen. Abends um halb 10 waren noch vereinzelt (!) Plätze zu haben.

"Wenn du verlängern willst, musst du zwischen den beiden Zeiten hier wieder an den Automat gehen und deine Reservation bestätigen." Ich lese auf der Quittung "00:36:32 - 01:36:32" (ja die Koreaner nehmen es sehr genau mit der Zeit). Ich schaue sie von der Seite an, sie grinst. Ihr ist bereits klar, dass ich nicht lange bleibe.

Die Zeit läuft. Es gilt: Nur nicht verschlafen,
wenn die Zeit abläuft.
Der Raum ist riesig, eine kleine Turnhalle. Es riecht auch fast so, eine Mischung aus dampfender Hirnmasse und Angstschweiss vor der Prüfung am nächsten Morgen. Rund 150 Studenten drücken in diesem Raum Wissen in sich hinein. Mehrheitlich Bulemie-Lernen, denn hier wird meist noch nach alter Schule alles reingestopft. Open-book-Prüfungen mögen die wenigsten Studenten. Da wisse man nie was komme und müsse viel überlegen ...

Die Klimaanlage schnurrt müde, die Blicke der meisten sagen das gleiche. Zwischen Fronten von iPads und Büchern herrscht extreme Ruhe. Mir ist das eher ungeheuer. Ich stöpsle klassische Musik in die Lauscher, das soll gut sein für die Synapsen. 

Bevor die Frage kommt: Nein, ich war nicht nur fürs Sightseeing da, sondern habe auch ein wenig auf den Folien für die Prüfung morgen herumgemalt. Aber nur kurz. Der Platz am Ausgang hilft mir, ohne verwunderte Blicke kurz vor 11pm zu verschwinden. 
Mein Gewissen nicht weiter zu lernen, beruhige ich mit einem leeren Laptopakku und der Physikformel Arbeit = Leistung * Zeit. Meine Zeit war kurz, aber die Leistung gross, murmle ich wahrscheinlich noch im Schlaf. 

Und trotz hunger, wird das eigentliche Thema "Essen in Korea" auf später verschoben. Gute Nacht and keep paiting!

Erinnert mich an das Theater in St.Gallen: Die Paiknam Library nachts von aussen.

부활 그리고 북한 // Ostern & Nordkorea (Korea IV)

Ostern und Nordkorea haben eigentlich zwei getrennte Posts verdient. Über Oster gibt es aber wenig zu schreiben, der Wilde Norden ist dafür omnipräsent. Ich befasse mich mit beidem gleichzeitig und versuche wieder ein bisschen Einblick ins koreanische Denken zu geben. 

(부활 이고 북한, bu'hual & buk'han, Easter & Nordkorea)

Ostern musste mit der KPost eingeflogen werden.
Erstmal frohe Ostern und viel Glück auf der Suche nach den Nästlis ihr Vollzeiteuropäer! Mein Ostern kam bereits letzte Woche per KPost an. Denn trotz vorherrschendem christlichen Glauben im KLand, bleibt der Schoggi-Konsum über die Festtage konstant und die Leute arbeitssam.
Generell sind Feiertage rar gesäht und richten sich an einem Mix aus chinesischem Mondkalender ( und jüngster Geschichte des Landes. Nicht so wie in Nepal, wo grundsätzlich alle Feiertage jeder Weltreligion gefeiert werden ...
Auch die Ferien sind kurz: 15 Tage bezahlter Urlaub liegt für den Arbeiter prinzipiell drin, wenn man während mind 80 % seiner Pflichtstunden anwesend war. Alles am Stück zu nehmen sei aber verpönt, wurde mir geflüstert. Mir ist jetzt auch klar, warum so viele KTourists in Europa diese 7 Tage - 20 Länder-Touren machen. 

KStudent zu sein, hat somit seinen Reiz fürs Reisen - zumindest zeitlich gesehen. Und erstaunliche viele junge Koreaner waren schon "On Top Of Tschungprau" (Jungfraujoch) für eine Portion "very expensiphe lamion" (teures Instant-Nudelgericht mit scharfer Sauce). Bitte stellt euch die Betonung etwas Koreanisch vor und sagt es, während ihr euch einen Song KPop anhört, dann tönt es direkt viel authentischer.

Nun aber zum Thema des Tages: Nordkorea. Letzte Woche hat der Onkel Donald (Donald J. Trump) ein grösseres Boot an unsere Küste geschickt und die Japaner haben Abwehrsysteme in öffentlichen Parks aufgestellt. Kimmy Hair-Cut (Kim Jong-Il) hat uns Ausländer in Südkorea gewarnt und aufgefordert, das Land zu verlassen. Der letzte Flug von Pyeongyang nach Peking fliegt morgen. 

Trotz dem internationalen Säbelrasseln geht das Leben im Süden ohne diskutieren weiter. Drohungen vom Norden gehören hier zum Alltag. Das gilt auch, wenn der Pressesprecher des nördlichen Regimes etwas häufiger am TV zu sehen ist als üblich. Die Bedeutung der Berichterstattung gleicht jener des Wetterberichts.

Interessant am Ganzen: Offiziell "arbeiten" die beiden Teilstaaten an einer "friedlichen Wiedervereinigung". Beschlossen im Jahr 2000. Über den Waffenstillstand hinaus, hat es aber bisher noch keine weitere Annäherung gegeben. Zurzeit scheint das auch wenig realistisch.

Auswirkungen hat das aber trotzdem: Die offizielle Karte von Korea, umfasst sowohl den Norden als auch den Süden. Das gilt auch für die Naver Map, das staatliche Google Maps von Korea. Und jeder Koreaner lernt, dass der 백두산 (Baek'du'san, höchster Berg Koreas) im Norden liegt.

Staatliches Naver Maps zeigt nicht nur den Süden von Korea.

Nichtsdestotrotz, hat es dieses Wochenende für einen abenteuerlichen Ausflug an DMZ ganz im Nord-Osten gereicht. Weltenbummlerin Eva und ich blickten unter einigen schaulustigen Koreanern durch die Ferngläser in den Norden.

Die Küste von Nordkorea ... 
500 Won (45 Rappen) kostet ein 2minütiger Blick
durchs Fernglas in den Norden.
KHumor: Letzte Toilette vor der Grenze.
Und zuguter Letzt noch das letzte KTopic dieses Artikels: KCopi. Letztes Wochenende war die grösste Kaffeemesse im Land. Und weil Kaffee ein wichtiger Bestandteil meines wachen Ichs ist, musste ich da unbedingt hin. Mit room mate Jack (sein Blog heisst lustigerweise Kim Jongs New Neighbor) kostete ich mich durch die rasant wachsende Kaffeekultur Koreas.

Den hiesigen Kaffeegeschmack teile ich zwar nicht, aber er lässt sich etwa so kategorisieren:
     1. kalt - es gilt alle Kaffees im Copi Shop auch kalt.
     2. schwach - Americano ist extrem beliebt.
     3. bunt - Cheesecake-Copi oder Mint-Copi gibt es alles

Cold Brew gezapft ...
... oder mit anderem Geschmack ...
... oder bunt und mit Emoji.
Jack der Alles-Tester.
Und ich mit der Gangnam Statue, aber in anderem Style. 
Genügend KBlog für heute. Es heisst natürlich auch nicht alles K-[...] hier, aber es muss mir ja auch Spass machen. ;-)

파이팅 // fighting (Korea III)

Die Wochen verfliegen hier, obwohl die Vorlesungen zu kriechen scheinen. Ich passe mich langsam der vorherrschenden Kultur von Dem-Prof-zuhören-und-möglichst-wenig-durch-Fragen-auffallen an.
Die Mid-term-exams stehen bald (d.h. in etwa 3 Wochen) an, die Koreaner hyperventilieren bereits jetzt und lernen Nächte im Café oder der Unibib durch. Schlitzaugen mit dreimal so fetten Augenringen sind keine Seltenheit. Augentropfen in den umliegenden 양약방 (yangyagbang, Apotheken) äusserst begehrt.

Ein koreanisches Paar im Olympic Park, Seoul
lässt sich in typischer Fotopose von mir ablichten.
Und immer wieder fällt das Wort 파이팅 (paiting, fighting, kämpfen). Ein Konglischer (koreanisch-englischer) Schlachtruf, um sich gegenseitig zu ermuntern, weiter zu machen. Denn die gute Note hat hier einen extremen Stellenwert. Grundsätzlich wollen alle mind. eine A oder A+. Mit einer B lässt es sich leben und eine B- und alles darunter, ist etwa eine mentale F(ailure). ⇒ Amerikanische Notengebung
Wichtig dabei sind dabei die Stunden und der Umfang des Lehrbuches. Es scheint manchmal, als gebe auch die Erscheinung eine gute Note. Viele laufen mit dicken Büchern rum oder putzen im Klassenzimmer die Zähne. Möglicherweise, um ein gutes Ansehen zu waren. Oder jedem zu zeigen, dass er/sie richtig am 파이팅 ist. Wirklich zugegeben hat es aber noch niemand ...

Treppenmythos auf dem Campus:
Gute Studenten sollen nur die linke Treppe nutzen ...
Geschlafen wird aber gerne mal auf dem Uni-Klo. Das kann zur Mittagszeit recht mühsam sein, wenn auch ich mal muss. Einige Koreaner mussten meine Notdurft schon mit lautem Klopfen ihre Dössitzung beenden.

Dabei ist die Uni hier eher wie ein Gymnasium organisiert:
Vor der Stunde gibt's einen Appell und damit Punkte fürs physische Anwesend sein. Eine Abmeldung an den Prof mit "Grippe" gilt aber auch als anwesend.
Es gibt Punkte für die kooperative Mitarbeit. D.h. nicht gross auffallen, dann sind meist 10-20 % der Note im trockenen.
In der Mitte und am Ende des Semesters gibt es je eine Prüfung. Closed-book. D.h. auswendig lernen oder "Mut zur Lücke". Koreaner machen ersteres, Austauschstudenten zweites.
Und gefragt wird, wenn überhaupt, erst nach der Lektion.

Wie vielleicht zwischen den Zeilen zu lesen ist, halte ich nicht wahnsinnig viel davon. Schlussendlich wollen die meisten jungen Koreaner einen Job. Das ist aber nicht einfach, in einem Land, wo 25 Firmen 80 % des GDP's stemmen und wegen einiger Skandale mal mehr oder weniger erfolgreich sind.
Das Studium bereitet sie aber eher weniger darauf vor - zumindest in meinen Augen. Das passive Wiederkauen des Lerninhalt fördert nicht gerade die Eigeninitiative und das Selbstvertrauen. Bei Teamarbeiten wird dies immer schnell sichtbar. Der Project Manager und Head of Creative Thinking scheint mir hier auf die Stirn tätowiert ...

Apropos Tattoo: Marketing ohne ethischen Grenzen.
Anyways, es hat sich ein gewisser Alltag eingestellt. Und immer mehr macht Seoul auf mich den Eindruck einer komischen amerikanischen Exklave, die 한글 (Hangul, koreanische Schrift), Konfuzius und einige Traditionen entwickelt haben. Das stimmt zwar nicht, zeigt aber den Spagat zwischen Tradition und westlicher 24hrs-Gesellschaft auf.

Meine Sprachen scheinen darunter etwas zu leiden. Zwar beherrsche ich Hangul und einige Bestell- und Vorstellungssätze auf Koreanisch. Ich nahm mir vor 3-5 nützliche Wörter am Tag zu lernen. Das klappt ganz gut. Heute sind bisher 파이팅 (paiting, fighting), 폰듀 (pon-dyu, Fondue) und 식품 (sagpum, Menu in der Kantine) dazugekommen.

Das tägliche Wirrwar aus Koreanisch, Englisch, Deutsch und Französisch macht aber müde. 8-10 Stunden Schlaf müssen da schon drinliegen. Da kommt Abwechslung am Wochenende immer gelegen ...

Es folgen einige Bilder, von den letzten Ausflügen:
Mein liebster Jogging-Hügel bei Nacht:
Mit Blick auf Seongdong-Gu und Gangnam-Gu.
Die Seoul-City-Wall, der Smog und ich.
Begeisterung beim Fussball-Spiel vom FC Seoul.
Koreanischer Frauentalk im Olympic Park.
Exchange student-Wanderung auf den 한란산 (Hanran Berg, höchster Berg in Südkorea, 1950m ASL).
5 Stunden Aufstieg, 0°C und 10cm Schnee auf dem Gipfel, keine Bergbahn, aber eine junge Dame
mit Ballerinas und Miniröckchen.